„Dann, eines Nachts beim Mischen im Studio, machte es Plopp und ich konnte keine Bässe mehr hören“, erzählt Janner „Es lag nicht an meinem Programm oder den Speakern – auch das Geräusch des Lichtschalters und der Dusche am nächsten Morgen bestanden nur noch aus Höhen.“ Ein Schock für den Musiker und gleichzeitig ein Signal, das sich später als wichtiger Wendepunkt für sein Leben und seinen künstlerischen Weg herausstellen sollte.

Schon früh hatte er sich ganz der Musik verschrieben. Er erlernte verschiedene Instrumente, studierte Jazz- und Popgitarre in Holland, arbeitete mit und für Künstler wie Samy Deluxe, Curse, Nena, Motrip, Das Bo und viele Andere – und hatte mit Rakede eine Band mitbegründet, die sich zu einem aufregenden Schmelztiegel der Genres und Styles aufschwang. Nach beinahe zehn Jahre Bandarbeit und Tourneen, einem millionenfach geklickten Youtubehit und kurz vor der ersten LP Veröffentlichung bei Warner Music, zerbrach die Band in zwei Hälften. Der Tiegel war übergekocht, die Verschiedenheiten der Mitglieder wurden so üppig, dass sie sich zu handfesten Differenzen auswuchsen. 

Für Janner folgte eine Zeit der Orientierungslosigkeit, eine Beziehungskrise und depressive Episoden, die neben dem beruflichen und künstlerischen nun auch noch das private Leben mit einem bedrückenden Mehltau der Niedergeschlagenheit überzogen. Zwar machte er immer noch Tag und Nacht Musik, aber mehr in der Rolle eines musikalischen Dienstleisters als Studiomusiker, Songwriter oder Engineer. Ihm fehlte die Richtung und das Vertrauen in die eigene künstlerische Vision. „Erst der Hörsturz hat mir vor Augen geführt, wie essentiell wichtig es für mich ist, mich musikalisch auszudrücken und, was für ein großes Geschenk und Privileg es ist, dies tun zu können.“  sagt er „Ich stellte mir vor, wie schlimm es für mich wäre, wenn mein Gehörsinn nicht wieder voll funktionieren würde und ich in Zukunft ohne Bässe leben müsste. Daraufhin nahm ich mir vor, nach meiner Regeneration endlich die Musik hörbar zu machen, die ich schon so lange in mir trug und die mich selbst widerspiegelt und bewegt.“ 

Als der Hörsturz überstanden war öffneten sich für Janner neue künstlerische Möglichkeiten und Horizonte. Er wirkte an zwei Tanztheaterstücken mit, die ihn nach Albanien, Bosnien und durch den Balkan führen sollten und tourte in der Band niederländischen Sängerin Kris Berry durch Indonesien. Diese Reisen ließen ihn erleben, welchen Effekt und Stellenwert Musik, vor Allem, wenn sie live gespielt wird, auf Menschen hat, die nicht so übersättigt sind, wie viele Westeuropäer. So spielte und sang er mit bosnischen Dorfbewohnern den Blues und jammte mit indonesischen Musikstudenten auf der Straße und spürte an vielen Orten die Magie der Musik, wie er sie noch nicht erlebt hatte. 

Kurz darauf arbeitete er, über einen längeren Zeitraum mit dem iranischen Queerrapper und Politaktivisten SÄYE SKYE, der aufgrund seiner Musik und Botschaft in Angst um sein Leben über Nacht sein Land verlassen musste. Eine weitere Mahnung für Janner, dass das Privileg sich auszudrücken nicht selbstverständlich ist und man es, wenn man die Gelegenheit dazu hat bestmöglich nutzen sollte. Die Zusammenarbeit mündete in der Musik für den Film Futur3/No Hard Feelings, der 2020 bei der Berlinale Premiere feierte und zahlreiche nationale und internationale Preise gewann (Deutscher Filmpreis/First Steps Award/Teddy Award/Toronto Inside Out Festival etc.) 

All diese Erlebnisse und Einflüsse spiegeln sich nun auch in Janner Arbeit als Solokünstler wieder. In seinem Doppelalbum, welches aus den Teilen „Vor dem Hörsturz“ und „Nach dem Hörsturz“ bestehen wird veröffentlicht er Songs, die er jeweils vor beziehungsweise nach seinem einschneidenden Erlebnis schrieb und schreiben wird. 

Hierbei werden bewusst auch tabuisierte und stigmatisierte Themen, wie Trauer, Ängste, psychosomatische und psychische Krankheiten nicht ausgeschlossen. Vielmehr geht es auch darum diese zu thematisieren und ungewohnte, frische Sichtweisen darauf zu bieten. Janners Musik behält dabei selbst in ihren dunklen Momenten immer einen Gefühl von Hoffnung und Leichtigkeit.

© 2019 Jan Günther